Wie hängt die von der Philosophin Eva von Redecker beschriebene Bleibefreiheit mit gemeinschaftlichem Leben zusammen? im Oya Almanach 2024
An manchen Sommerabenden gibt es diese besonderen Stunden an der nordhessischen Fuchsmühle, wo ich lebe, in denen die Schwalben tief fliegen und die Abendsonne über die Weiden in unseren Garten scheint. Es tut gut, nach einem langen, heißen Tag dort im Gras zu liegen und den Schwalben zuzuschauen. In schwungvollen Bögen fischen sie die Insekten aus der Luft und zeigen mir mit Leichtigkeit, wie freudvoll es ist, als »Ich-in-Bezogenheit« zu leben. Mit dieser Begriffsschöpfung versuchte die Commons-Forscherin Silke Helfrich (1967 – 2021) den neoliberalen Denkrahmen von vereinzelten Individuen, die auf dem Markt miteinander Verträge schließen, zu verlassen und stattdessen der wechselseitigen Verbundenheit von Menschen gerecht zu werden. So zieht jede Schwalbe für sich ihre ganz eigenen Kreise und doch fliegen sie alle gemeinsam durch die warme Sommerluft und wirken auf mich, die ich unten im Gras liege, frei und verbunden.
Dieser Garten vor unserer Mühle ist auch der Ort, an dem ich Bleibefreiheit spüre. »Bleibefreiheit« ist eine Wortneuschöpfung der Philosophin Eva von Redecker, die uns damit aus dem Schlamassel, in den uns der Freiheitsbegriff der Moderne geführt hat, herauszuhelfen versucht. Diesem modernen Begriff zufolge kann Freiheit nämlich bedeuten, weiter unbeirrt in Blechkisten über die Autobahn zu brettern, während viele Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Diese Sicht auf Freiheit kann bedeuten, Grenzen dichtzumachen oder Privateigentum zu schützen, während Häuser von Flutwellen mitgerissen werden und Menschen vor nationalstaatlichen Grenzen ertrinken. Aber bedeutet Freiheit nicht viel mehr und anderes, als Privateigentum zu verteidigen und sich von niemandem reinreden zu lassen? Anders als der gängige Freiheitsbegriff, der sich auf die Bewegungsfreiheit fokussiert, lenkt Eva von Redecker den Blick aufs Bleiben. Wir kennen die Forderung nach dem Bleiben aus politischen Kämpfen gegen Kohleabbaggerung und Autobahnbau: »Danni bleibt!« »Lützi bleibt!« »Alle Dörfer bleiben!« Zu bleiben und die Welt zu erhalten – also »konservativ« im Sinn von »bewahrend« zu sein –, wird zu einer emanzipatorischen Qualität in einer Zeit, in der umso drastischere Veränderungen auf uns zukommen, je länger wir auf dem expansiven Pfad industriemoderner Wachstumsgesellschaften bleiben. Um die Welt zu erhalten, brauchen wir also ein anderes Verständnis von Freiheit. Manchmal kann ich diese andere Freiheit in den commonischen Gefügen, in denen ich lebe, fühlen. An der Fuchsmühle kann ich bleiben, ohne bleiben zu müssen. Keine Vermieterin kann mich aus unserer eigenen Genossenschaft hinauswerfen. Es ist ein Ort, an dem ich bleiben kann, weil ich mich dort frei fühle, ich
selbst zu sein, mitzugestalten, immer wieder neu ich selbst zu werden. Durch mein und unser Bleiben, durch unsere Beheimatung, hoffe ich, dort auch das Bleiben anderer Lebewesen auf der Erde weiter unterstützen zu können.
Und doch kenne ich die Erfahrung nur zu gut, mich selbst mit
einer neoliberalen Brille in ebendiesen unseren commonischen
Gefügen zu bewegen und die Freiheit darin nicht zu sehen. Dann bin ich genervt von den Absprachen, fühle mich eingeengt, habe Angst, im Kollektiven selbst nicht mehr vorzukommen. Denn es ist mühsam, für die Freiheit im Commoning eine Sprache zu finden. Es ist so, als müsste ich immer wieder bewusst meinen Blick von dem gewohnten Denkrahmen abwenden und durch ein anderes Fenster
auf die Welt blicken. Noch dazu ist dieses Fenster oftmals beschlagen, im Vagen, voller Ahnungen, während das neoliberale Fenster klare Sicht auf bestens vertraute Geschichten bietet. Menschen, die ihr Leben vom Commoning durchwachsen lassen,
entwachsen dem modernen Freiheitsbegriff. Dieser funktioniert nach dem eigentümlichen Prinzip »meine Freiheit hört dort auf, wo deine Freiheit anfängt«. Leute stehen mit ihrer Freiheit in der Hand in ihrem Eigentum, dem kleinen eingezäunten Bereich von Welt, den sie willkürlich beherrschen können. Wenn wir zu Commoners werden, die Häuser, Wissen, Fürsorge, Land und Güter miteinander teilen, verwalten und pflegen, dann verlassen wir die Denkrahmen des Privateigentums und müssen zwangsläufig auch unser gewohntes Verständnis von Freiheit verlassen. Unter jedem Commons, wie unserer gemeinsam verwalteten Fuchsmühle, lebt das Commoning: Gemeinschaffen oder gemeinsames Tun, das Commons erst hervorbringt. Es frisst sich im Verborgenen in weitverzweigten Netzen durch den Boden wie ein Myzel und lässt dann seine Fruchtkörper wie Pilze aus dem Boden schießen. Begegnet man den Commons, ist es wie bei der Pilzsuche im Wald: Der erste freudige Blick gilt der Entdeckung des Pilzes, eines Commons.
Vielleicht fallen die raffinierten Organisationsstrukturen in den
Blick, die gewählte Rechtsform oder die ganz materiellen Strukturen, die das Commons bilden. Will eins aber selbst zum Commoner werden, zu einem, das dieses Commons aktiv erzeugt, pflegt und bewahrt, führt kein Weg daran vorbei, sich selbst vom Myzel essen zu lassen und somit selbst zu einem Teil des Myzels zu werden.2 Zu glauben, dass ich im Commoning ein einzelnes Individuum bleiben könnte, ist eine Illusion. Die Hyphen, die kleinen fadenförmigen Pilzzellen, verspeisen den Homo oeconomicus in uns, zerfressen Identitätskategorien, Vorstellungen von Fortschritt, Gerechtigkeit, Eigentum, Freiheit.
Der unabhängige, starke, rationale Typ in uns, der ständig den Helden spielen will, muss sterben. Das ist ein irritierender, beängstigender, ekeliger und anstrengender Transformationsprozess, in dem Gefühle von Orientierungs- und Schutzlosigkeit auftauchen können. Und doch ist es genau dieser Prozess, der gleichzeitig die Befreiung bedeutet. Es ist zwecklos, sich ganz allein auf den Waldboden zu legen und darauf zu warten, Commoner zu werden, tatsächlich kommt kein Commone je allein. »Wenn du kommst, um mir zu helfen, verschwendest du deine Zeit. Wenn du aber kommst, weil deine Befreiung unauflöslich mit meiner Befreiung verflochten ist, dann lass uns zusammenwirken.« So sagten es die Murri-Aktivistinnen auf der anderen Seite der Erdkugel in den 1970er Jahren. Die Bleibefreiheit, von der Eva von Redecker schreibt, erinnert mich an ebendiese Freiheit, die wir uns nur gegenseitig schenken können. Commonische Freiheit ist eine Freiheit, die mehr wird, wenn wir sie teilen. In Begegnungen, die von Kooperation geprägt sind, sind die Anderen nicht mehr die Grenze meiner Freiheit, sondern ihre Verwirklichung. Im Commoning entsteht diese Art von Freiheit, weil durch das
kooperative Zusammenwirken verschiedener Menschen Unvorhersehbares geschehen kann. Niemand hatte einen genauen Plan, aber dann ist dieses Fest im Zusammenspiel vieler Beitragender einfach entstanden, das Essen wurde gemeinsam gekocht oder die Besetzung aufgebaut! Es gibt diese besonderen Momente, in denen eigentlich niemand weiß, warum die Dinge gerade so passieren, wie sie passieren, aber alle genau fühlen: »So muss es jetzt sein!« Auf diese Weise können wirklich neue Dinge geschaffen werden. So fühlt sich für mich Freiheit an.
Eine andere Erfahrung von Freiheit, die mir das Commoning
regelmäßig schenkt, ist die Freiheit der bezeugten gemeinsamen
Neubeginne.
Auch Eva von Redecker bezieht sich auf »die Freiheit der Neubeginne«, wie sie die Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) vorgedacht hat: die Freiheit, die eigene Gebürtlichkeit immer wieder neu zu vollziehen, immer wieder neu man selbst zu werden. Wie gut es ist, dabei umgeben zu sein von einer Gemeinschaft, die dieses neue Selbst erschafft und es zugleich auch bezeugt! Wie gut es ist, nach einer Krise einen Tag in der Natur verbracht zu haben, dann nach Hause ans Feuer im Garten zu kommen, wo die eigenen Leute sitzen und sagen: »Willkommen, du bist nun jemand anderes!« Wie gut es ist, an der Wintersonnwende an eben dieser Feuerstelle zu stehen und am ganzen Leib zu spüren: Nun ist dieser Jahreszyklus vorbei, eine neue Zeit bricht an! Wie gut es ist, gemeinsam in Baum-
häusern zu sitzen, sich mit dem Bleiben des eigenen Körpers für das Bleiben des Waldes einzusetzen, und damit zu zeigen: gemeinsam können wir Neuanfänge bewirken, neue Formen des Zusammenlebens initiieren. Und wie gut es ist, gemeinsam immer wieder neue Worte und Rituale für diese Ahnungen von Utopien zu finden, einander eine Sprache zu geben für dieses neue Erleben! Das Wissen um das fortschreitende Scheitern unserer Zivilisation mit der damit einhergehenden Erdzerstörung kann uns schnell unseres Freiheitsgefühls berauben und in die Ohnmacht treiben. Statt gegen diese Ohnmacht mit einem »jetzt ist es sowieso egal« zu rebellieren, lohnt es sich, auf die Suche nach neuen Freiheiten zu gehen.
Der Geruch dieser neuen Freiheiten ist noch fremdartig, geheimnisvoll. Wie ein Trüffel liegt diese Freiheit etwas versteckt, aber umso verheißungsvoller im Verborgenen, in den Zwischenräumen, ernährt sich vom Sterbenden. Die Freiheit ist die Kraft, die uns aus unseren bequemen Sesseln lockt, die in uns die Sehnsucht weckt, uns aus dem Sumpf des Patriachats zu befreien. Sie ist die Freude, die wir beim Verdauen der herrschaftsförmigen Strukturen in und um uns empfinden und die unserer Suche eine Richtung gibt. Und diese Suche nach Freiheit ist ein hoffendes Tun, das uns fast schon unbemerkt in
mehr Lebendigkeit hineinführt.

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