Essay über eine Wirtschaft der Resonanz und Fürsorge zur Kunstausstellung Holles Wirtschaft im Rahmen der Zukunftskonferenz Kooperatives Wirtschaften in Bad Sooden, 2023

Als drei Künstlerinnen, Freundinnen und neugierige Zugezogene reisten wir, Priska Lang, Ida Kuhfß und Luisa Kleine, eine Woche durch den Frühling im Werra-Meißner-Kreis. Im Gepäck trugen wir auf unseren regionalen Ausflügen die Frage: Wie können wir uns resilient und regional versorgen? Denn genau diese Frage wird auch auf der Zukunftskonferenz des Reallabors »Regionales Kooperatives Wirtschaften« gestellt, für die wir gemeinsam eine Kunstausstellung gestalteten.
Manchmal scheint es, als bräuchten ländliche Regionen wie der Werra-Meißner-Kreis moderne, glitzernde Innovationen. Als wären die Menschen auf dem Land abgehängt von den Verheißungen des Fortschritts aus den Städten und müssten nur noch nachziehen. In der Vorbereitung auf eine Zukunftskonferenz erschien es uns jedoch wesentlich, den Blick in die Vergangenheit zu richten, auf das, was bereits da ist. Welches Wissen von früher können wir hier und heute gebrauchen? Was ist in Vergessenheit geraten? Wir gruben in den Sedimentschichten vergangener Zeiten und suchten nach Geschichten über Arbeit, Versorgung und Kooperation. Wir suchten an Küchentischen, am Meißner, in regionalen Holle-Mythen, Dorfgeschichten und im Keramikmuseum in Großalmerode und trafen auf wunderbare Menschen, die uns von ihrer Region erzählten.
Einige unserer Fundstücke sind in der Ausstellung auf der Zukunftskonferenz zu finden. Mit ihnen wollen wir keine fertigen Antworten geben, sondern Gefundenes teilen und Fragen stellen – denn was ist förderlicher für eine gelingende Kooperation als eine gemeinsame Frage? Wir hoffen, dass sie noch mehr Menschen helfen können, sich vorzustellen, wie Grundversorgung in der Region zukunftstauglich gestaltet werden könnte.
Wirtschaft im Sinne des Oikos, des Haushalts, der Wortwurzel der Begriffe „Ökonomie“ wie auch „Ökologie“, bedeutet das intentionale Tätigsein, nämlich jenes Tätigsein, das das Leben und die dafür notwendigen Dinge aufrechterhält. Wirtschaft ist also viel mehr als nur der globale Markt, die Lohnarbeit und das Bruttoinlandsprodukt. Das Gießen eines Gartens, der Wasser braucht, das Begleiten eines Kindes, das Pflegen eines Kranken oder das Zubereiten von Essen ist wesentlicher Bestandteil unseres Wirtschaftens, ohne den unsere Gesellschaft einfach kollabieren würde. Die Soziologin Maria Mies beschrieb die Wirtschaft als einen Eisberg, bei dem der Großteil unserer Wirtschaft ungesehen unter der Wasseroberfläche liegt. Oftmals werden diese Sorgetätigkeiten weiblich sozialisierten und marginalisierten Menschen zugeteilt und schlecht oder gar nicht bezahlt.
In diesem Bereich der Wirtschaft ist Kooperation eine Selbstverständlichkeit. Es käme uns sehr absurd vor, würde der Gemüsegarten bei uns für jede gegossene Gießkanne Schulden machen, jedes Kind all die geleistete Fürsorge im Erwachsenenalter zurückzahlen müssen oder wir für jeden Atemzug dem Baum einen Preis überweisen müssten. Wir können also, wenn wir über kooperatives Wirtschaften nachdenken, viel lernen, wenn wir uns trauen, unter die Wasseroberfläche zu tauchen und zu sehen, wie eine Wirtschaft der Fürsorge funktioniert.
Auf unseren Tagesausflügen, die wir von Waldkappel aus mit dem Fahrrad oder Auto unternahmen, stießen wir schnell auf viele alte Mythen der Holle, von der heute meist nur noch das Märchen bekannt ist, das von den Brüdern Grimm im 18. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. Im Jahreslauf erscheint in diesen Mythen die Frau Holle als Frühlingsgöttin, Liebesgöttin und Todesgöttin. Am Holleteich auf dem Meißner, wo sie laut den alten Geschichten wohnt, lasen wir uns die Mythen vor und erkannten viele Orte unserer Region wie die Blaue Kuppe, Eschwege oder den Hörselberg wieder. Die Geschichten erzählen vom Tätigsein im Jahreslauf, vom Sorgen für das Lebensnotwendige. Vergeblich sucht man darin nach Lohnarbeit, Preisen oder Marktmechanismen. Wie in dem Märchen der Frau Holle geht es um eine Wirtschaft des Kümmerns. Die Dinge rufen Goldmarie zu: Hol uns Brote aus dem Ofen, ernte uns Äpfel, kümmere dich. Und Goldmarie kümmert sich, ohne von einer unsichtbaren Hand des Marktes geführt zu werden; ihr Kümmern ist kein Tauschgeschäft. Sie tut die Dinge, weil sie sinnvoll sind, weil sie mit ihrem Tun auf Notwendigkeiten antwortet.
In den Geschichten fanden wir nicht nur eine andere Haltung im Tätigsein, sondern auch eine andere Zeitlichkeit. Fürsorge ist nicht linear, sondern zyklisch: Sie muss immer wieder, jeden Tag neu erbracht werden, sie ist niemals fertig, sie ist immer notwendig, sie ist nicht immer angenehm, oft auch anstrengend, aber immer sinnvoll. Jedes Jahr kehren die gleichen Rituale, Feste und Aufgaben wieder und verbinden Menschen miteinander und mit allem, was sie umgibt. Uns beeindruckte die Einfachheit und Verbundenheit, die aus diesem eingebetteten Tätigsein spricht.
Die Holle drückt es selbst so aus, als ein Zimmermann das Rad ihres großen Wagens reparieren soll: „Nimm schnell deine Axt und verkeile mir meinen Wagen. Aber gib Acht, dass der Keil aus bestem Kernholz ist. Denn Himmel und Erde, Zeit und Raum muss er an heißer Nabe zusammenhalten. Und wenn er zerbricht, zerfällt die Welt. Drum spute dich und richte es gut. Am kleinsten Werk hängt die Ordnung der größten Dinge.“
Was würde die Holle wohl zu unserer Art des Wirtschaftens sagen? Streng würde sie wohl aus ihrem Fenster blicken, hinaus auf die Streuobstwiesen, die niemand mehr pflegt, und die Backhäuser, die eins nach dem anderen verschwinden, auf sterbende Insekten, flimmernde Bildschirme und dürre Böden. In der gleichen Zeit, in der das Holle-Märchen von den Brüdern Grimm aufgeschrieben wurde und viele andere Geschichten in Vergessenheit gerieten, setzte sich auch eine Wirtschaftsweise durch, die strukturell auf Wachstum basiert und das Kümmern unsichtbar macht: mehr Lohnarbeit, mehr Industrie, die Monetarisierung aller Lebensbereiche und die Trennung von Produktion und Reproduktion haben uns in eine Lage gebracht, in der unsere Lebensgrundlagen gefährdet sind. Was nun, Holle? Wer kümmert sich?
„Damals in der Schuhfabrik habe ich nur 95 Pfennig die Stunde verdient. Harte Arbeit war das. Aber wir brauchten ja nicht viel. Wir hatten unseren Garten hinterm Haus, die Wiese mit den Obstbäumen, ein paar Kühe, Hühner und Schweine und ein Stück Land, da bauten wir Getreide und Kartoffeln an“, erzählt uns eine Frau aus Bischhausen. „Den ganzen Schnickschnack brauchten wir damals nicht.“ Wir hören auf unseren Ausflügen Geschichten von arbeitenden Händen, die kneteten, nähten, jäteten und zimmerten, Hände, die ganz direkt Menschen mit den Dingen versorgten, die zum Leben gebraucht wurden, Hände, die vor Ort arbeiteten und die Häuser bauten, die wir noch heute sehen können.
Welche Hände sorgen heutzutage anderswo für unsere Versorgung? Was tun unsere Hände? Welcher Trost steckt in der Erkenntnis, dass die Welt, in der wir leben – und damit auch Massentierhaltungsanlagen, Elektroschrottberge und „Germany’s Next Topmodel“ – in großen Teilen von Menschenhand gemacht ist? Diese Hände können auch anderes schaffen: Planetenfreundliches, Teilbares, Recyclebares, Verbindendes und Schönes.
Menschen erzählen uns, wie sehr sie es vermissen, abends auf der Treppe zu sitzen und zu reden. Samstags trugen die Menschen ihre Blechkuchen zu den Backhäusern, von denen es früher in jeder Straße welche gab. Es waren große schwarze Bleche, und alle brachten auch ein bisschen Holz mit. Im Winter saßen die Frauen beieinander, stopften und nähten, und es wurde viel erzählt, von der Kartoffelernte und dem, was im Dorf gerade geschah.
Zurück in alte Lebensweisen können und wollen wir nicht, doch uns berührt der große Reichtum an Gemeinschaft, Sinn und Verbundenheit, der uns aus diesen Geschichten entgegenleuchtet. Wie können wir dieses Wissen heute nutzen, um Strukturen aufzubauen, die uns versorgen, ohne die Lebensgrundlagen anderer zu zerstören? Kooperatives Wirtschaften ist eine mögliche Antwort darauf: gemeinsam als Produzierende und Verbrauchende Produktion, Eigentum und Verteilung in die Hand nehmen, resiliente Beziehungen aufbauen und sich an Bedürfnissen und Kapazitäten orientieren statt an Profit. Für viele Menschen hier und weltweit ist diese Form des Wirtschaftens keine Ausnahme, sondern die Selbstverständlichkeit des Lebens. Das Wissen um sorgendes Tätigsein, zyklische Zeit und kooperierendes Organisieren ist da.

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