erschienen im Oya Almanach 2026

Moderne Menschen tun viel, um zu vergessen, dass auch sie Kompost werden. Dass auch sie einmal gegessen werden, von dem einen oder anderen Wurm oder Mikroorganismus, von Feuer oder Pilz. Der Wachstumswahn lässt uns vergessen, dass das Leben ein Kreislauf aus Gebären, Werden, Sterben und Kompostieren ist. Dass zum Einatmen, das Ausatmen gehört. Zum Sommer der Winter. Zum Tag die Nacht.
Es ist, als wäre ein Teil des pulsierenden Seins mit scharfer Klinge aus dem Kreis herausgetrennt und zur Ware gemacht worden. Nur wer verdrängt, dass unsere Lungen Sauerstoff atmen, der von Bäumen ausgeatmet wurde, nur wer ausblendet, dass unsere scheinbar einzelnen Leben von so vielen anderen abhängig sind, kann Lebewesen zu Ressourcen machen: Menschen zu Humankapital, Tiere zu Fleisch, Land zu Nationalstaaten, Tätigsein zu Lohnarbeit, Zeit zu beherrschbarem Territorium.
Wie lässt sich dieser Fluch der Verwertungslogik bannen? Mir hilft es manchmal, eine eigene Geschichten wie einen Gegenzauber vor mich hinzumurmeln, wie ein Schutzmantel aus heilenden Worten anzulegen. Einmal, als ich mit einer Gruppe von Menschen, die gemeinsam Worte und Klänge zu Liedern und Gedichten weben, eine Woche in der Südheide war, kam dieses Lied zu mir:
Ich liebe dich Erde
Tag und Nacht
Sommer wie Winter
will ich mit dir sein
Und dann zum Schluss
mit dir über mich hinaus
weit und weiter
ich gebe mich ganz
Immer wieder übte ich mich damals darin, den trennenden Blick auf die Welt zu entlernen. Und merkte, wie oft ich mich getrennt von der Mitwelt wahrnahm: mich, wie ich durch den Wald ging, anstatt uns Bäume, Ameisen, Eichelhäher, Menschen, wie wir gemeinsam atmend leben. Ich suchte Worte, die mich vom Getrenntsein befreien konnten. Als ich sie fand, sang ich sie lange vor mich hin und merkte, wie ich langsam weiter wurde, wie das Ich die Konturen verlor, langsam wieder die Fühler ausstreckte, wie nach langem Schlaf.
Seitdem singe ich es immer wieder: im Garten unter der Birke, im inneren Dialog mit einem Menschen, mit dem ich es gerade schwer habe, in der Hängematte mit meinem Kind im Arm. In der ersten Zeile kann »Erde« ersetzt werden, dann heißt es: »Ich liebe dich – Birke/mein Kind/Hummel/Bussard/Zecke …« Dabei erinnere ich mich daran, wie wir uns durch den liebevollen Blick miteinander verbinden können, wie wir lernen können, zum ganzen Kreis wieder »Ja!« zu sagen, und wie wir bleiben, über die Tode der Einzelnen hinaus, weiter und weiter, wenn wir uns nur ganz hingeben.

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